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Mal was von Pierre Carles de Marivaux - mit freundlicher Genehmigung des Insel Verlages - geliehenes aus seinem Buch "Betrachtende Prosa" Hier in diesem Text geht um einen Menschen der immmer gut zu allen Leuten war und der als Dank von seinen Freunden immer nur in zweiter Reihe gestellt wurde. Er hatte seine Freunde gefragt weshalb das so ist und sie haben ihm geantwortet.



Hier mal eben den Text:

Wieso leistet ihr diesen Leuten lieber einen Dienst als mir, den ihr liebt? Wieso scheint ihr sie wichtiger zu nehmen als mich?

Weil ihre Fehler ihnen eine Bedeutung geben, antwortete mir einer von ihnen, die Ihre Vorzüge Ihnen nicht geben.
Sollen wir offen sein? Auf Ehre, nichts ist weniger ergiebig, nichts lässt das Vergnügen der Gesellschaft so leicht versiegen wie ein Mensch, der so übertrieben gut ist wie Sie es in jeder Beziehung sind:
Seine Unterhaltung ist nicht anregend, sie hat nichts was die boshafte Neugier reizt, die wir gegenseitig füreinander empfinden. Was zum Teufel fängt man mit einem Menschen an, gegen dessen Geist sich der eigene in der Unterhaltung nicht vorsehen muss?
Worüber spricht man mit ihm, wenn man keinerlei Bosheit von ihm erwarten und infolgedessen auch nicht zurückgeben kann; der über niemanden etwas schlechtes sagt und von dem man infolgedessen auch nichts erfährt; der Beifall spendet, wenn man geistreich war und das niemanden neidet, weshalb er jedem die Eitelkeit nimmt, es zu sein; mit einem Menschen, bei dem unsere Eigenliebe in einer ewigen Sicherheit ruht, aus der die Langeweile entsteht; mit einem Menschen, von dem man nichts befürchten muss, weder für unsere Vorteile noch unseren Ruf; von dem nan nichts erwartet zum eigenen Nutzen und zum Schaden der anderen, weshalb es keinen Anlass gibt, sich mit ihm zu verbinden oder zu verschwören. Nun, Sie sind ein guter Kerl, ich liebe Sie, weil sie immer gut zu mir sein werden; aber Sie langweilen mich, weil Sie zu niemanden jemals schlecht sein werden. Sie sagen, wir hätten Ihnen keinen Dienst erwiesen. Ja, womit reizen Sie uns denn, Ihnen einen zu erweisen? Würden Sie sich etwa für unsere Weigerung rächen?
Nein, das habe ich Ihnen schon gesagt. Sie wwerden immer gut, immer grossmütig bleiben; es ist überflüssig sich wegen eines Menschen zu bemühen, dessen Güte man nicht verlieren und dessen Groll man sich nicht zuziehen kann. Was die Personen angeht, deren Namen Sie genannt haben, so bin ich ihnen gegenüber entweder ständig auf der Hut oder ich verhalte mich so, daß sie mich fürchten; oder ich amüsiere mich mit ihnen. Aber Sie, sie sind nur liebenswert, und was sonst? Liebenswert! Das hat keinen Anreiz, man liebt Sie und das ist alles.

Als ich diesen Text das erste Mal gelesen habe war ich auf einmal stinksauer auf die ganze Welt und mir überlegt von da an mal ein bischen genauer zu gucken wer denn nun eigentlich die richtigen Freunde sind und wer nicht. Is ganz schön schwer, da diese Verhaltensweise eigendlich fast alle Leute mehr oder weniger an sich haben. Man kann wirklich nur versuchen sich die besten rauszusuchen und allen anderen erzählen das diese Verhaltensweise von denen sie sich selber meist gar nicht so bewusst ist nicht so pralle ist und das wir wenn wir uns weiter so verhalten, werden nie Frieden auf dieser Welt bekommen.


Ich danke dem Insel Verlag für die freundliche Genehmigung diesen und die bald folgenden Texte hier einbauen zu dürfen. Es ist wie oben schon erwähnt im Insel Verlag in Frankfurt erschienen, heisst "Die betrachtende Prosa" und ist von "Pierre Carles de Marivaux" und ist meiner Meinung nach ein muss. Und bald gibt es hier noch viel viel mehr aus diesem Buch. Das sind Texte, da schlackern euch die Ohren

Hier hab ich noch einen für euch der gerade fertig ist:

Wenn man mit der Eitelkeit dieser Welt nichts mehr zu schaffen hat und in Lumpen geht, kurz, wenn man nichts mehr geniesst, denkt man über alles nach.
Die Dinge nehmen ihren Lauf, und ich sehe ihnen zu; früher lief ich mit ihnen und taugte darum nicht mehr; glaubt mir, um über alles richtig urteilen zu können, sollte man an nichts mehr beteiligt sein. Früher zum Beispiel hätte ich nicht so gerecht über eine Sache gedacht, die mich eben beschäftigt. Ich sehe nämlich von meinem Fenster aus einen Mann auf der Strasse, mit dessen Anzug man, wenn er verkauft würde, ein halbes Dutzend Waisen verheiraten könnte. Das ist wild für einen Jäger wie mich: ach mit welcher Lust nehme ich ihn von meinem Dachboden aus aufs Korn.
Da jetzt streckt ihm ein armer Mensch wie ich die Hand entgegen, um etwas von ihm zu bekommen, aber er gibt nichts. Offensichtlich sagt er tzu ihm: Gott segne dich; und das ist immerhin etwas, eine Barmherzigkeit, die man nicht erweisen will, an Gott weiterzugeben.
Reden wir doch einmal mit unserem Mann; "Oh Monsieur, wie gut Sie aussehen, wie prächtig! Ich suche einen Menschen, daß heisst jemanden der diesen Namen verdient; wären Sie nicht zufällig mein Fall?, denn es sieht fast so aus. Warten Sie einen Augenblick, damit mein Verstand Sie betrachtet, daß ist eine augezeichnete Brille um den Wert der Dinge zu erkennen.
Oh je!, ich glaube Ihr schöner Anzug hat nicht mehr soviel Glanz, Ihr Gold wird matt, ich finde es töricht: was machen sie auf einem Kleid damit? Man hält sie ja für eine Goldmine in Peru. Alle Wetter schämen Sie sich nicht, soviele Goldbarren völlig nutzlos an sich zu hängen, während Sie sie zu Geldstücken gemünzt an so viele Unglückliche hier verteilen könnten, die vor Hunger sterben?
Geben Sie ihnen nichts, wenn Sie wollen, behalten Sie alles für sich,aber zeigen Sie ihnen nicht noch, daß Sie ihnen das Leben erkaufen könnten, denn sehen die Unglücklichen nicht den Beweis dafür auf Ihrem Kleid? Verbergen Sie Ihnen wenigstens Ihr Herz, ziehen Sie diesen Anzug aus, der eine Beleidigung für das Elend der Armen ist, und der weder Hunger noch Durst kennt.
Wissen Sie denn nicht sehr wohl, daß es barbarisch ist, ihr Geld in den Fluss zu werfen, wenn man es auf ein Kleid wirft, daß damit gar nichts anzufangen weiss, daß weder wärmer für den Winter, noch leichter für den Sommer dadurch wird?
He, für wen verzieren und besticken Sie es denn so? Ist es für mich? Um mir mehr Hochachtung vor Ihnen einzuflössen? Auf diesem Leim kriche ich nicht mehr, aus dem Alter bin ich raus, denn weder der Händler noch der Schneider machen einen Menschen achtbar, und ausserdem kann ich Sie in diesem Aufzug nicht betrachten ohne das mir die Tränen in die Augen kommen.
Verziehen Sie sich! Ich bin doch kein Barbar: ich sehe Menschen, die leiden, ich sehe das Gute, das Sie ihnen tun könnten und ihr Anblick macht mir Kummer. Gehen Sie, sag ich Ihnen, Sie sind kein Mensch, und ich suche einen. Wenn ich einen Wolf suchte, gäbe ich Ihnen vor allen vierbeinigen Wölfen den Vorzug, denn diese sind nicht so grausam wie Sie, da sie sich ihrer Grausamkeit nicht bewusst sind, während Sie sich der Ihren bewusst werdene könnten. Suchen wir doch woanders.
Ich sehe da unten so viele Menschen, wäre da nicht einer dabei wie ich ihn brauche? Oh Lal la! Ich sehe da einen, vor dem sich alles krümmt. Wer ist das? Ein Mann mit einem Titel, die Konventionen haben ihn zu einem Mächtigen gemacht, daß heisst sie haben ihm das Vorrecht verschafft noch kleiner zu sein als die anderen. Nützt er es aus?
Ich weiss es nicht. Aber es ist etwas schreckliches, keine Verdienste zu haben, um geachtet zu werden; und die ihn grüssen, wären gern in der gleichen Lage, nicht ihn grüssen sie, sondern sein Vorrecht.
Wenn diese Art Leute sich über einen Mächtigen beklagen, wenn sie sagen, er sei herzlos, hart, er verachte sie, dann lasst sie reden; in Wirklichkeit verdienen sie es nicht besser, denn sie hassen nicht seine schlechten Eigenschaften, sondern neiden ihm die Freiheit, sie offen zeigen zu dürfen. Ich kannte mal einen Mann, der den Hochmut der grossen Herren nicht ertragen konnte., die moralischen Betrachtungen, die er über sie anstellte, waren wunderschön, wenn er jemals Karriere macht, wird er ein Musterbeipiel eines verünftigen Menschen sein, sagte man von ihm.
Er machte Karriere, er erhielt einen hohen Posten: ich habe niemals einen beschränkteren und eingebildeteren Menschen gesehen als ihn. Und woher kam es, das er verändert schien?
Daher, das ein Mensch, wenn er in mittelmässigen Verhältnissen lebt, nicht wagt, seinem Hochmut freien Lauf zu lassen, er muss ihn im Zaume halten, als guter Franzose muss er klein beigeben: denn wenn er es nicht tut, dann wird er gedemütigt. Und das kränkt ihn zutiefst. Daher deütigt er sich aus klugem Stolz lieber selbst, damit es kein anderer tut.
Man sieht ihn also gut, schlicht, verträglich, ohne Verständnis für das grosse Gehabe mancher Leute, er kann sich nicht vorstellen, wieso man so hochmütig sein kann, er schüttelt de Kopf über alle die es sind. Ach welch guter Apostel.
Wisst ihr, was es denkt? Da ich meinen Hochmut nicht zeigen kann, muss ich mich an denen rächen, die ihren frei zur Schau tragen dürfen und auch tun. Ich muss erklären, daß ich sie bedauere, das setzt sie in den Augen der anderen herab und verhindert, daß man sie bedeutend höher einschätzt als mich. Denn ch kann diese Leute nicht ertragen, man erscheint ihnen gegenüber als ein Nichts, und wenn ich sie herabwürdige erleichtert mich das.
Außerdem glauben dei anderen, wenn ich erkläre, daß ich den Hochmut als eine Dummheit ansehe, ich sei nicht hochmütig und man braucht es mir gegenüber nicht zu sein, weil ich den Hochmut verachte oder ihn nicht zur Kenntnis nehme.
Versteht er sich nicht gut darauf, unser Heuchler, hm? Ihr könnt gewiss sein, das er all das denkt, was ich ihn sagen lasse, und immer wenn ihr auf so einen vernünftigen Kopf stoßt, der für den Hochmut der anderen so viel Verachtung zeigt, könntet ihr in aller Ruhe den seinen verachten: Er sit ein Gefangener, der frei sein möchte und mit jedem Hochmut Streit sucht, der freies Spiel hat, da könnt ihr sicher sein.

 

Ich finde, die meisten Prediger sind nur Verfasser von Betrachtungen, nur Autoren.
Während sie ihre Predigten abfassen, führt die Eitelkeit ihnen die Feder. Und die Eitelkeit hat viel Geist! Doch all ihr Geist bringt nur Geschwätz hervor.
Trifft sie auf eien erhabenen Gedanken, so verlässt sie ihn nicht, bevor sie ihm nicht jedes Gefühl genommen und es durch Geistigkeit ersetzt hat; und da nur wenige Leute über eine solche verfügen, reden die Prediger meist vor tauben Ohren.
Gefühl aber haben alle Menschen; darum ist es der Schlüssel zum Geist; nur das Gefühl kann den G>eist durchdringen und ihn erhellen; es stößt auf keinen Widerspruch; jede Seele versteht sich mit ihm; mit ihm gibt es keine Schwierigkeiten.
Versuche nicht in Sachen Religion die Menschen zu überzeugen; sprich nur zu ihrem Herzen: Wenn es gewonnen ist, ist alles getan. Seine Überzeugungskraft bringt dem Geist Erkenntnisse denen er sich nicht widersetzt.
Es gibt Wahrheiten, die nicht dafür geschaffen sind, dem Geist unmittelbar dargeboten zu werden. SIe empören ihn, wenn sie geradewegs auf ihn zugehen; sie verletzen seine kleine Logik; er begreift sie nicht; sie sind widersinnig für ihn.
Doch lasst sie sozusagen über das Herz gehen, macht sie dem Herzen interessant, macht das es sie liebt; denn es muss sie verarbeiten sie einordnen; der Geschmack, den es an ihnen findet, muss sie erhellen. Stellt euch eine reifende Frucht vor oder auch eine Blüte, die sich unter der Wärme der Sonne entfaltet: Das ist ein Bild dafür, was aus den Wahrheiten in dem Herzen wird, welches sich für sie begeistert.....  


Es gibt einen bestimmten Grad von Geist und Einsicht, über den hinaus man nicht mehr verstanden wird:
Wer ihn überschreitet, weisst das er ihn überschreitet, doch weiss er das fast nur allein. Oder jedenfalls wissen es nur so wenige ausser ihn, daß es sich nicht lohnt ihn zu überschreiten.
Mehr noch, ein zu grosser Scharfsinn ist sogar ein Nachteil, denn was man davon mehr als die anderen hat, überträgt sich stets auf alles, was man macht, und verwirrt nur ihr Verständnis. Man sagt über das hinaus, was nachvollziehbar ist, noch anderes, weniger Nachvollziehbares, so daß das schwer verständliche in den geäusserten Gedanken die Freude an dem Verständlichen verdirbt; man wird für unklar gehalten und nicht für scharfsinnig; man wird beschuldigt glänzen zu wollen, und begeht keinen anderen Fehler als den, all das auszudrücken, was einem gerade in den Kopf kommt


Was den Geist betrifft, so werden in der Gesellschaft zwei Arten von Geist von den Menschen verwechselt; Jene, die gerne scharfsinnig sein möchten und jene, die es von Natur aus sind.
Die Sprache dieser zwei Menschenarten hat eine solche Ähnlichkeit, daß man sie kaum unterscheidet. Man muss sehr gute Augen haben, um Scharfsinn von Raffinesse zu trennen.
Ich kenne nur wenige Leute, die sie nicht miteinander verwechseln. Und leider verbinden sich jene, die genügend davon wissen um sich nicht zu täuschen, sehr gern mit denen, die sich täuschen und unterstützen damit ihren Irrtum.
Diese mangelnde Aufmerksamkeit ist ein Beweis dafür, daß ihnen, so grosse Geister sie auch sein mögen, noch etwas fehlt.

Einen genialen Text hab ich hier erstmal noch. Der Rest folgt später!

Mit siebzehn Jahren verliebte ich mich in ein junges Mädchen, und ihm verdanke ich meine seitherige Lebensform. Ich war damals keine schlechte Erscheinung, hatte ein sanftes Gemüt und freundliche Umgangsformen. Ihr sittsames Wesen hatte mich für ihre Schönheit empfänglich gemacht.
Ausserdem bemerkte ich bei ihr so viel Gleichgültigkeit gegenüber ihren Reizen, daß ich geschworen hätte, sie sei sich ihrer gar nicht bewusst. Wie einfälltig ich damals war! Welch ein Vergnügen, sagte ich mir, wenn ich die Liebe eines Mädchens wecken kann, das keine Verehrer haben möchte, denn sie ist schön, ohne darauf zu achten, und also nicht kokett. Immer wenn ich mich von ihr trennte, hatte mein zärtliches Erstaunen über soviel Anmut in einem Wesen, das sich darum nicht höher schätzte, noch zugenommen.
Saß sie oder stand sie? Sprach sie oder lief sie? Stets hatte ich den Eindruck, daß sie sich nichts dabei dachte und sich über nichts weniger Gedanken machte als darüber, zu sein, wie sie war. Eines Tages, als wir auf dem Land waren und ich sie gerade verlassen hatte, bewog mich ein bei ihr vergessener Handschuh wieder umzukehren, um ihn zu holen; ich bemerkte von weitem die Schöne, wie sie sich in einem Spiegel betrachtete und zu meinem grossen Erstaunen sah ich, daß sie sich selbst alle Bewegungen vorführte, in der ich ihr Gesicht während unserer Unterhaltung gesehen hatte; und es erwies sich, daß ihre Mimik, die ich für so natürlich gehalten hatte, nichts anderes war, um es deutlich zu sagen, als ein Taschenspielertrick; ich erkannte von weitem, daß ihre Eitelkeit den einen oder anderen Ausdruck guthiess oder auch verbesserte. Es waren kleine Zierereien, die man hätte notieren können, damit sie eine Frau wie ein Musikstück auswendig lernen kann. Ich zitterte bei dem Gedanken der Gefahr, in die ich geraten wäre, wenn ich mich gutmütig weiter den Betrügereien ausgesetzt hätte, die sie mit so vollkommenem Geschick ausführte, ich hatte sie für natürlich gehalten und nur so geliebt. Daher war meine Liebe auf der Stelle verflogen, als wenn sich mein Herz für sie nur mit Vorbehalt erwärmt hatte. Sie bemerkte mich ebenfalls im Spiegel und errötete.
Ich trat lachend ins Zimmer und nahm meinen Handschuh: Oh Mademoiselle, ich bitte um Verzeihung, sagte ich zu ihr, daß ich bisher der Natur Reize zuschrieb, deren Ruhm doch einzig ihrem Geschick zu verdanken ist. "Was soll das heissen?", fragte sie mich. Soll ich offener mit Ihnen reden", gab ich zurück; ich habe eben die Maschinerie der Oper gesehen. Jetzt bereitet sie mir zwar immer noch Vergnügen, aber sie rührt mich weniger. Mit diesen Worten ging ich hinaus und aus diesem Erlebnis entstand meine Menschenfeindlcihkeit, die mich nie verlassen hat und die mich dazu führte, während meines ganzen Lebens die Menschen zu studieren und mir mit meinen betrachtungen die Zeit zu vertreiben.

Doch noch einen Text ueber kokette Frauen

Kokette Frauen

Kokette Frauen mögen einander nicht und wollen ständig beisammen sein. Wißt ihr, was sie in der Gesellschaft der anderen suchen? Das Vergnügen, einander zu besiegen: sie wollen ihre Eitelkeit füttern und sich gegenseitig an Reizen überbieten; da kämpfen Gesichter, Mienen, Wuchs und freundliches Gehabe gegeneinander.
Ganz sicher bin ich entweder schöner oder hübscher oder liebenswerter als Doris, sagt Julie insgeheim; doch wäre es köstlich, ich fügte zu meiner Gewissheit, die mein Spiegel mir im übrigen bestätigt, noch einen weiteren Beweis. Julie kann sich mit mir nicht messen, sagt ihrerseits Doris, ich stelle sie in den Schatten; meine Anmut ist viel grösser als ihre, dassen bin ich mir ganz sicher; doch kann in jedem Fall mehr Sicherheit nicht schaden; ich werde sie mir also verschaffen: meine Eigenliebe ist manchmal beunruhigt; ich will sie mit einem anschaulichen Beweis befiedigen. Und Doris und Julie treffen sich also.
Sie umarmen sich und prüfen sich hiemlich mit kritischen Blicken. Doris glaubt, Julie mit ihren Reizen zu verblüffen, und Julie nimmt an, die ihren würden Julie einschüchtern und ihr Angst einjagen.
Es ist fünf oder sechs Uhr abends; wo gehen sie hin? Ins Theater oder in den Jardin des Tuileries? Wie immer sich die Dinge dort entwickeln, ob die Eitelkeit unserer beiden Damen sich Beifall spenden oder nicht, es gibt keinen Anlass zu der Befürchtung, das Vertrauen der beiden würde im geringsten erschüttert. Die weibliche Eigenliebe möchte gern davon überzeugt sein, daß sie sich kaum etwas vormacht; Doch geschieht etwas, das nicht günstig für sie ist, hilft sie dem leicht ab; alles, was etwas gegen sie beweist, beweist gar nichts. Führen wir also unsere beiden Koketten in die Tuileries; Ihr seht sie dort lustwandeln, Arm in Arm. Ach die guten Freundinnen! Was denken sie eurer Meinung nach, was sagt wohl jede insgeheim zur anderen?
Kommen Sie, Madame, kommen Sie sie Kokette; schmücken Sie meinen Triumph und sehen Sie, wie ihre eitle Vermutung, Sie seinen ebenso liebenswert wie ich, beschämt wird; wir wollen weitergehen, damit ich Ihnen das Gegenteil beweise; Das ist hier genau der richtige Ort, um unseren Streit auszutragen. Und indessen gehen die beiden munter weiter, man hoert sie während ihres Gesprächs laut lachen.
Worüber reden sie? Das wissen sie selbst nicht; sie sprechen irgendwelche Wörter aus, um den Mund andächtig öffnen zu können. Worüber lachen sie? Über nichts.
Es geschieht nur aus Kokettie, nur um Aufsehen zu erregen, um lebhafter zu erscheinen, vergnügter; um mehr Raum einzunehmen; um die Aufmerksamkeit der Männer zu erregen, die ebenfalls spazierengehen, die auf sie zukommen und im Vorbeigehen unsere koketten Damen begutachten werden.
Vier Männer sind vorbeigegangen; drei davon haben nur mich angesehen, sagte sich Doris, und ich hätte auch den vierten bekommen, wenn er nicht in eine andere Richtung gesehen hätte oder wenn seine Augen nicht zufällig zuerst auf Julie gefallen wären.
Es ist also eindeutig, meine ich, daß ich ihr überlegen bin; daran besteht kein Zweifel; das ist ein Rechenexempel; ich habe drei gegen einen; und diesen einen bekomme ich noch auf dem Rückweg. Was antwortet Juie darauf? Gibt sie es zu, daß sie verloren hat? Keineswegs! Sie hat sehr gut gesehen, wie die drei Männer tastsächlich nur ihre Begleiterin mit ihren Blicken beehrt haben; sie hatte nur den vierten, daß weiss sie, das ist eine Tatsache, die sie nicht bestreiten kann. Doch was beweist das? Nichts.
Denn Doris hat die drei mit einer wahrhaft übertriebenen Kokettie gefesselt, mit einem schallenden Gelächter, einem unanständigen lauten Ton der Stimme, mit dreisten Blicken, die die Männer immer anziehen, die sie verführen, die ihr Urteil fälschen. Doris´Augen sind nicht schöner als ihre, nicht einmal ebenso schön: aber sie sind verwegener; sie reißt sie auf, und weil sie weniger bescheiden sind, weniger schamhaft, hat man sich lieber bei ihnen aufgehalten statt bei den ihren, die bei gleicher Bescheidenheit keinen Nebenbuhler zu fuerchten brauchten.
Wenn Doris unter diesen Umständen gefällt, fügt Julie hinzu, beneide ich sie nicht um die erbärmliche Eitelkeit, die sie daraus gewinnt; 8und wenn sie auf diese Art glaubt, liebenswürdiger zu sein als eine andere, meinetwegen; wenn sich meinen Busen so zur Schau stellte wie sie, meine Schultern so entblößte, so mit den Hüften wackelte und ein so leichtfertiges Minenspiel hätte, dann hätte sie kein leichtes Spiel.
Während Julie diese kleine Rede für sich hält und sich damit über die Verdriesslichkeit des ersten Erlebnisses tröstet, kommt eine andere Gruppe von Männern vorbei; und Julie, deren Busen (was immer man darüber sagen mag) nicht besser bekleidet ist als der von Doris, verhält sich weder schüchtener noch ehrbarer als ihre Rivalin, um dieses Mal zu triumphieren. Sie verfällt ihrerseits auf ein paar muntere Torheiten, zum Beispiel einen Aufschrei, als sie stolpert, mit dem Erfolg, daß die Herren sie als erste betrachten.
Die Blicke der Herren weiterhin zu fesseln, kostet ihren Augen dann zwar die gleiche Dreistigkeit und Bestechung, die sie ihrer Begleiterin vorgeworfen hatte, doch das entgeht ihr; sie bemerkt es nicht: ihre Rivalin hat durch Mogeln gewonnen; sie aber, sie gewinnt nit ehrlichem Spiel, sozusagen kraft guter Karten. Aber meine Damen, würde ich ihnen sagen? Sind sie hierhergekommen, um an Dreistigkeit oder an Schönheit zu wetteifern? Denn es scheint mir, daß keine von Ihnen beiden sich rühmen darf, hier als Schönheit gesiegt zu haben.

Auf Grund des Textes Kokettie hatte ich es mir nicht verkneifen koennen
da einen Song daraus zu basteln. Koennt ihr unter diesem Link hoeren wenn ihr wollt

Also wie schon gesagt: Ich liebe die Frauen, aber dieses oben geschilderte
Verhalten ist so typisch für Frauen, das es mir immer wieder auffällt seit dem ich den Text kenne,
das ich innerlich oftmals grinsen muss.

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